Pans Labyrinth – Realität im Phantastischen
Der mehrfach preisgekrönte Film von Guillermo Del Toro erzählt eine Geschichte aus der Brutalität des faschistischen Spanien nach dem Ende des Bürgerkrieges. Dabei spielt die Wirklichkeit der Hauptfigur in parallelen Realitäten.

Pans Labyrinth ist ein eindringlicher Film, der im Gedächtnis bleibt, einerseits wegen mancher, zuweilen unerwartet heftiger, gewalttätiger Szenen. Andererseits aber, und viel intensiver, wegen der filmischen Beschreibung dessen, was die Wirklichkeit der Hauptperson des Films bestimmt. Die Titelfigur ist ein Mädchen von ca. 12 Jahren mit Namen Ofelia, dessen Erleben der sogenannten Realität der Erwachsenen sich mit einer ganz eigenen Wahrnehmung und Wirklichkeit mischt, zu der sonst niemand in seiner Umgebung Zugang hat.

Die Perspektivität der persönlichen Wahrnehmung erkennen

Dies kann als Analogie zu typischen Situationen im Coaching gesehen werden. Der Klient oder die Klientin stößt mit seiner / ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit auf Unverständnis im jeweiligen Umfeld, erlebt persönliche Verunsicherung und gerät unter Umständen auch in Konflikt, und dennoch hält er oder sie an der persönlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit fest. Es bestätigt sich ja auch, dass die eigene Wahrnehmung der realen Wirklichkeit entspricht, denn Gegenstände, Gesprochenes, Beziehungen, alles ist in der eigenen Wirklichkeit wie auch in derjenigen der anderen Menschen vorhanden. Es geht im Coaching dann um Perspektivität und darum, was wie in den Fokus der Aufmerksamkeit genommen wird. Wie stehen Realität und Möglichkeit zueinander und wie wird dieses Verhältnis im Coaching reflektiert? Welche anderen Blickwinkel könnten eingenommen werden? Womit kann ein eingefahrenes und als schwierig oder belastend erlebtes Muster gestört werden?

Wirklichkeit ist wirk-sam

Der Film „Pans Labyrinth“ spielt mit diesen parallelen Realitäten und stellt dabei dem Betrachter die Frage, was denn Wirklichkeit, Realität, Wahrheit überhaupt ist. Man ist als Zuschauer sehr schnell geneigt zu sagen, das Mädchen konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit, die aber nichts mit der eigentlichen „Realität“ zu tun hat. Diesen Gedanken entlarvt jedoch der Film in seinem Verlauf als Illusion,  denn beide Welten sind zunehmend eng miteinander verwoben, manches, was „wahr“ im Sinne von greifbar, anfassbar in der einen Welt ist, hat diese Eigenschaft auch in der anderen Welt und ist dort tatsächlich wirklich, d.h. wirk-sam. So stammen verschiedene Gegenstände, etwa ein Buch, ein Schlüssel, ein Dolch und eine Alraune, aus dieser konstruierten Wirklichkeit und können vermeintlich in der „realen“ Welt gar keine Bedeutung oder Wirksamkeit entfalten. Am Beispiel der Alraune erweist sich dieses Postulat jedoch als falsch.

Ist Phantasie tatsächlich unwirklich?

Im Film wird die parallele Wirklichkeit mehr oder weniger im Reich der Phantasie angesiedelt, sie wird bevölkert von Wesen, die Märchen oder Fabeln zu entstammen scheinen. Ofelia wird scheinbar zufällig in diese Welt hineingezogen. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Pan oder Faun, der zugleich Begleiter und Beschützer, aber auch Bediensteter und Wächter ist. Er befindet sich im Innern eines Labyrinths und beherrscht sozusagen das Tor zum endgültigen Eintritt in diese andere Welt. Eine insgesamt zwielichtige und uneindeutige Gestalt, die zwar Vertrauen einfordert, aber durch ihr ganzes Verhalten erhöhte Wachsamkeit hervorruft und gerade nicht vertrauenswürdig erscheint. Dennoch lässt Ofelia sich auf seine ungewöhnlichen Geschichten und Forderungen ein, vielleicht weil diese so ganz anders sind als die sogenannte Realität, die sie im Spanien kurz nach dem Bürgerkrieg umgibt.

Die Wirklichkeiten nehmen aufeinander Bezug und spiegeln sich wechselseitig

Oder doch nicht? Der Faun erzählt ihr von einer Vergangenheit, in der sie angeblich die Tochter des Königs dieses phantastischen Reiches gewesen sei, ihrem Vater aber verlorenging und sich nun ihr Erbe zurückholen müsse. Dazu muss sie verschiedene Aufgaben erfüllen und damit beweisen, dass sie die wahre Tochter des Königs ist. In der sogenannten Realität, also Spanien im Jahr 1944, hat sie ebenfalls ihren Vater verloren, er ist als Partisan gestorben und damit genauso unerreichbar in einer anderen Welt, wie der König in der Welt des Pan. Die Phantasiewelt beginnt, auf die andere Welt Bezug zu nehmen.

In der sogenannten realen Welt übernimmt die Rolle des Pan ihr Stiefvater, ein Hauptmann unter General Franco, der gnadenlos Jagd auf Partisanen macht. Ofelias Mutter hat ihn geheiratet, um irgendwie durch die schwierige Zeit zu kommen und erwartet in Kürze ein Kind von ihm. Die Mutter beschwört Ofelia, ihrem Stiefvater gegenüber gehorsam und dankbar zu sein und ihn „Vater“ zu nennen, was dem Mädchen nach der ersten Begegnung jedoch zunehmend schwer fällt. Der Hauptmann ist ausnehmend grausam und macht kein Geheimnis daraus, dass er Ofelia nicht mag. Dennoch hat sie keine Wahl, sie muss sich fügen, wenn sie eine Zukunft haben will.

Der Spiegel im Spiegel

Hier findet sich die Parallele zum Pan, allerdings in einer gewissen Umkehrung. Beide Charaktere, Pan und der Stiefvater, sind die Schlüssel zu ihrer Zukunft, sie sind wie zwei Spiegel, die sich wechselseitig in sich spiegeln. Zum Pan entwickelt Ofelia eine Art Zuneigung, obwohl sie sich vor ihm und seinen Forderungen in Acht nehmen sollte. Umgekehrt soll sie ihren Stiefvater mögen, den sie jedoch zu Recht fürchtet. Hier wird deutlich, welches Omen auch der Name Ofelia birgt: die Ophelia in Shakespeares Hamlet muss sich von ihrem Geliebten anhören: „Trau keinem von uns!“

Die Ereignisse in beiden Welten, der des Hauptmannes und der des Pan, spitzen sich über die Geburt von Ofelias Bruder zu bis sie sich schließlich überkreuzen und beide Realitäten ineinander übergehen. Beide Welten sind jeweils wie eine Erzählung innerhalb der anderen Welt, die Inhalte sind aufeinander bezogen und beeinflussen, ja, bedingen sich gegenseitig. Ofelia, auf Anweisung des Pan, meint ihren neugeborenen Bruder zu retten vor der Willkür und Grausamkeit ihres Stiefvaters und läuft mit dem Baby in das Labyrinth, gefolgt vom Hauptmann. Dort wartet der Pan auf sie und verlangt von ihr, das Kind zu opfern als letzte Prüfung, damit sie ihr Erbe antreten kann. Damit offenbart er vollends die grausame Seite seiner Welt, die schon längst zu erahnen war. Ofelia, entsetzt aber hin und her gerissen, verweigert ihm den Gehorsam, wie sie auch ihrem Stiefvater den Gehorsam verweigert hatte. Das wird ihr zum Verhängnis und zugleich zur Erfüllung ihrer Zukunft, denn der Hauptmann holt sie ein, sieht vom Pan, der in Ofelias Realität direkt vor ihr steht, überhaupt nichts, entreißt ihr das Baby und schießt sie nieder.

Sterbend öffnet sich für sie ein letztes Mal die Welt des Pan. Sie sieht sich ihrem eigenen Vater, dem „König“, gegenüber und der Pan bestätigt, dass sie gerade durch ihre Gehorsamsverweigerung bewiesen habe, dass sie die richtige Erbin ist. Beide, Pan und Hauptmann, haben sie also zu ihrer Bestimmung geführt.

Genauso wenig wie der Pan kann jedoch der Hauptmann das Kind für sich behalten. Es wird ihm am Ausgang des Labyrinths von Partisanen abgenommen und er selbst hingerichtet.

Abhängigkeit und Paradoxon

Ein Motiv, das sich in dem Film in zahlreichen Szenen und in den Beziehungen zwischen den Figuren ständig findet ist das der Abhängigkeit und zu welchem Tun oder Nicht-Tun sie die Menschen treiben kann. Sehr häufig stehen die Charaktere vor Situationen, in denen die Entscheidung nur falsch sein kann, egal wie sie ausfällt. Besonders ausgeprägt findet sich das in der Figur Ofelia. Ihre Zukunft mit ihrem Stiefvater ist düster, ob sie Gehorsam zeigt oder nicht, Strafe erwartet sie in jedem Fall. Ihre Zukunft in der Welt des Pan ist nicht minder doppeldeutig. Wenn sie ihm glaubt, hat sie eine ungewisse Zukunft in einer unbekannten Wirklichkeit und die sogenannte Realität verschließt sich für sie, tut sie es nicht, verschließt sich die Welt des Pan für sie. Sie sollte fürchten, was sie liebt und lieben, was sie fürchtet. Sie befindet sich in einer grundlegend paradoxen Situation. Welcher der Botschaften soll sie stärkeres Gewicht beimessen? In der Systemtheorie spricht man hier von double bind, oder Doppelbindungstheorie. Derartige Konstellationen werden auch als Auslöser für schizophrene Erkrankungen gesehen.

Die Verwendung alter Symbole im Film: Teufel und Irrgärten

Aus Pan wird Faun wird Diabolos wird Teufel

Dazu passt die Figur des Pan ausgesprochen gut. Der Pan oder Faun ist als Sagengestalt in manchen Erzählungen der Antike im Gefolge des Dionysos zu finden, dem antiken griechischen Gott der Ekstase und der Freude, der aber auch eng mit dem Wahnsinn verbunden war. Seine Wurzeln gehen weit zurück und verweisen auf uralte Kulte von Erdgottheiten. Der Faun steht für die freie Natur in ihrer Fülle, wie auch ihrer Bedrohlichkeit. Seine Gestalt ist das Vorbild für die Darstellung des Teufels in der christlichen Tradition, teils menschlich, teils bocksgestaltig. Teufel, abgeleitet aus dem griechischen „Diabolos“, heißt so viel wie „der Durcheinanderwerfer“, also derjenige, der die Dinge in Unordnung bringt oder auf den Kopf stellt. Was gefährlich ist wird erstrebenswert und umgekehrt.

Gerade diese Ambivalenz des lockend-bedrohlichen wird in dem Pan aus Ofelias Realität sehr deutlich. Er spricht zu ihr von unerhörten Möglichkeiten und verspricht ihr ein ganzes Reich, wenn sie zuvor verschiedene Prüfungen besteht und dadurch beweist, dass sie die rechte Erbin ist. All dies erfährt sie nur andeutungsweise, sie wird von anderen Wesen in die Tiefe eines Labyrinths zum Pan geführt, wo er ihr viel erzählt und doch sehr geheimnisvoll bleibt und weitgehend verschweigt, welche Gefahren auf sie warten.

Labyrinth in Antike und Mittelalter

Auch das Labyrinth verweist zum einen auf Dionysos, der in der Sage vom Sieg über den Minotaurus auf Kreta eine wichtige Rolle spielt. Zum andern aber ist das Labyrinth im christlichen Mittelalter ein wichtiges und häufig verwendetes Symbol für die Wege und Umwege in der unerlösten Welt. Es findet sich häufig in alten Kirchen, meist in der Nähe des Haupteingangs im Westen des Gebäudes, so dass man als gläubiger Christ durch das Labyrinth hindurch musste, um zur Erlösung zu gelangen, symbolisiert durch die aufgehende Sonne im Osten am Altar. Dabei ist das Labyrinth nicht als Irrgarten zu verstehen, in dem man sich verlaufen kann, sondern es stellt nur die Aufgabe, viele verschlungene Wege zu gehen und dann erst am Ziel anzukommen.

Dies gilt im Film „Pans Labyrinth“ auch für Ofelia. Sie findet durch das Labyrinth hindurch zu ihrer eigenen Entscheidung und gehorcht am Ende weder ihrem Stiefvater, noch dem Pan, und findet so zu ihrer Bestimmung und Erlösung aus den Klauen beider, wenngleich beide an dieser Entwicklung maßgeblich beteiligt sind. Bei dieser Deutung des Films sind beide „Welten“ nur Durchgangsstationen und stehen symbolisch für die Irrungen und Wirrungen in äußeren und inneren Realitäten, bis die eigene Klarheit gefunden wird.

Fazit:

Der Film „Pans Labyrinth“ fordert durch seine Verschmelzung zunächst als getrennt erlebter Realitäten den Zuschauer auf, über das Verhältnis von Wunsch und Wirklichkeit, von Realität und Fiktion im eigenen Leben nachzudenken.

Filmanalysen aus systemischer und philosophischer Sicht finden Sie auch bei Dr. Hans-Rudi Fischer.

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