Der Weg von einer Weide zur nächsten kann manchmal ein Abenteuer sein. Dann nämlich, wenn das Pferd, das man am Halfter führt, sich einem Traktor gegenüber sieht.

Das Pferd, das Ziel, die Führung

Der Feldweg ist etwa so breit wie ein Auto, es sind einige Spaziergänger, Jogger und immer wieder Reiter unterwegs, oder Pferdehalter, die ihre Tiere am Halfter führen, um sie von einer Weide zur nächsten zu bringen. Die Wiesen sind zum ersten Mal gemäht worden, das Heu wird an vielen Stellen gewendet.

Ein großer Traktor fährt im Zickzack über eine Wiese und wirft mit dem Kreiselheuer die halb getrockneten Halme in die Luft. Am Rand der Wiese angekommen, fährt er einen großen Bogen, macht Kehrt und fährt in der entgegengesetzten Richtung zurück. Er steuert nun geradewegs auf die Seite der Wiese zu, an der der Feldweg liegt.

Pferde führen ist gar nicht so einfach

Zwei junge Frauen führen ihre Pferde in dem Moment hintereinander über diesen Feldweg, es sind noch etliche Meter, bis sie an der Wiese vorbei sind. Der laute Traktor mit seinen unheimlichen Wurfbewegungen kommt unbeirrt immer näher, die Tiere werden sichtlich nervös, vor allem das vordere der beiden Pferde reißt die Augen immer weiter auf und beginnt zu tänzeln. Seine Halterin hat Mühe, das Halfter festzuhalten, der Pferdekopf geht immer höher, das Tier blickt panisch auf den heranrückenden Traktor, stellt sich quer und läuft hüpfend seitwärts.

Zwei Jogger drücken sich an den Rand des Feldwegs, um außerhalb des Fluchtweges zu sein, sollte das Pferd sich losreißen und davon galoppieren. Die Angst steht nun auch der jungen Frau ins Gesicht geschrieben, sie muss sich alle Mühe geben, um das Halfter nicht loszulassen. Das Tier zerrt, sie muss sich bereits seinen beschleunigten Schritten anpassen, währenddessen ruft, nein, schreit ihr von hinten ihre Freundin fast hysterisch zu: „Nach vorne! Nach vorne!! Geradeaus, halt ihn fest! NACH VORNE!!!“

Es gelingt der Frau, den Pferdekopf wieder mehr in die ursprüngliche Wegrichtung zu lenken, der Körper des Pferdes steht nicht mehr ganz so quer zum Feldweg. Der Traktor ist nun am Wiesenrand angekommen, fährt seinen großen Bogen und macht sich auf den Rückweg ans andere Ende der Wiese. Die Bedrohung entfernt sich, das Pferd wird ruhiger und geht nach wenigen Sekunden wieder friedlich, als wäre nichts gewesen, neben seiner Halterin den Feldweg entlang.

Ziele, Führung und eindeutige Signale

Warum war dieses Pferd kurz davor auszubrechen? Was hat die Frau, die das hintere Pferd führte, anders gemacht, so dass ihr zwar auch erhöhte Aufmerksamkeit in dieser Situation abverlangt wurde, sie aber immer noch genug Freiraum hatte, um sich mit den Schwierigkeiten ihrer Freundin zu befassen? Wieso hat ihr Pferd sich zwar auch sichtlich unwohl gefühlt, aber von seiner Halterin ziemlich problemlos an diesem lärmenden und sich bewegenden Ungeheuer vorbei führen lassen?

Nun gibt es bei Pferden ebensolche Charakterunterschiede wie bei Menschen, und der Spekulation sind hier sämtliche Türen geöffnet. Grundsätzlich gilt aber für alle Pferde, dass sie als Fluchttiere prinzipiell einer potentiellen Gefahr ausweichen, das heißt ganz einfach davonlaufen vor allem, was sie nicht einordnen können. Ob das nun ein Traktor ist, oder ein plötzlich um die Ecke biegender Fahrradfahrer, oder auch nur eine Plastiktüte, die friedlich unter einem Busch liegt. Diese Tiere sind schreckhaft und werden schnell nervös, das weiß jeder Reiter und jede Reiterin. Es kommt dann immer darauf an, wie gut das Verhältnis zwischen dem Tier und dem Menschen ist in dem Sinne, ob das Pferd sich von diesem Menschen gut geführt und aufgehoben fühlt.

Wichtige Grundlagen für gelingende Führung

Was hat das alles mit Führung und Zielvereinbarung in Firmen zu tun? Seit Jahren schon werden Führungsseminare mit Pferden angeboten, eben weil diese Tiere ausgesprochen sensibel sind und sehr deutlich widerspiegeln, ob ein Mensch den „richtigen Draht“ zu ihnen entwickelt oder nicht. Dann lassen sie sich führen, oder verweigern ganz einfach die Ausführung jeglicher Kommandos. Der Mensch ist gezwungen, sich sehr intensiv mit dem Tier zu beschäftigen, es zu verstehen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen, in der deutlich wird, wer welche Funktion hat. Sie muss geprägt sein von Vertrauen und einer gewissen Zuneigung mit einer klaren hierarchischen Struktur. Und soll das Pferd folgen, benötigt es ebenso klare und eindeutige Signale.

Spätestens jetzt wird deutlich, was das sonntägliche Erlebnis auf dem Feldweg mit alltäglichen Situationen im Berufsalltag gemein hat. Selbstverständlich kann man die Verhaltensweisen von Pferden in Reaktion auf Signale von einem Menschen nicht eins zu eins auf die Reaktionen von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen auf die Handlungen ihrer Vorgesetzten übertragen, das wäre zu simpel. Aber gerade in der Vereinfachung liegt eine große Chance, und letztlich wird in Führungstrainings auch nichts anderes getan, als sehr komplexe Situationen quasi unter dem Mikroskop zu betrachten, so dass jeweils nur noch ein Aspekt hervorsticht. In der nächsten realen Situation kann es dann einfacher sein, genau diesen Aspekt zu berücksichtigen und gegebenenfalls als relevant zu erkennen und danach zu handeln.

Vertrauen, Wertschätzung, eindeutige Aufgabenverteilung und klare Ansagen

Doch zurück zum Thema Zielvereinbarungen. Die angesprochenen Charakteristika im gegenseitigen Verhältnis, die bei der Interaktion mit einem Pferd wichtig sind, gelten auch für den zwischenmenschlichen Kontakt von Führungskräften und MitarbeiterInnen, wenn Führung funktionieren soll. Ziele miteinander zu vereinbaren ist aber eine der zentralen Aufgaben, die von Führungskräften gesteuert wird. Wie das im Einzelnen im jeweiligen Unternehmen vorgenommen wird ist dabei sekundär, fest steht, dass jedes Unternehmen Ziele braucht und hat, die zu erreichen sind.

Gegenseitiges Vertrauen halte ich dabei für eine unverzichtbare Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Jegliches Misstrauen, auch das kleinste und vielleicht unbeachtete, ist ein Energiefresser, der Einfluss auf die Leistung nimmt. An die Stelle von „Zuneigung“ sollte vielleicht eher „Wertschätzung“ treten, diese ist aber genauso unerlässlich wie ein Vertrauensverhältnis und hängt auch direkt damit zusammen. Hierarchische Strukturen können unterschiedlich gestaltet sein, aber die Aufgabenverteilung muss klar sein. Es gibt stets eine Spitze, deren Entscheidungen Gültigkeit besitzen und akzeptiert werden müssen, sonst zerfällt ein Unternehmen.

Mit diesen Voraussetzungen ausgerüstet fehlt noch die fast sprichwörtliche „klare Ansage“, die eindeutigen Signale, damit die Beteiligten wissen, wo es hingehen soll und was sie zu tun haben, um dort anzukommen. Jede Inkongruenz zwischen Sagen und Handeln wird in der Mitarbeiterschaft zu Unruhe führen, Gerüchte schüren, auch wieder Energie binden und vom notwendigen Tun ablenken.

Gute Vorbereitung und persönliche Klarheit helfen bei der Aufgabe „Führung“

Die junge Frau mit dem Pferd hat verschiedene Varianten des Führens ausprobiert. Sie hatte vielleicht noch keine Erfahrung damit gemacht, wie dieses Pferd auf einen Traktor reagieren würde und war nicht gut darauf vorbereitet, oder sie hatte bereits die Erfahrung gemacht und fürchtete sich vor der Situation. Jedenfalls war sie im entscheidenden Moment nicht in der Lage, dem Tier eine klare Richtung und einen eindeutigen Weg aufzuzeigen. Sie musste sehr deutlich merken, dass ihre Uneindeutigkeit mit dem Versuch des Pferdes quittiert wurde, aus dieser unklaren Situation auszubrechen. Das führte bei ihr selbst wieder zu Angstreaktionen und hätte für alle sehr unerfreulich enden können.

Ihre sehr viel eindeutigere Begleiterin hat nicht nur ihr eigenes Pferd beherzt geführt und gar nicht zugelassen, dass es die Blickrichtung änderte und sich dadurch verunsichern ließ, sondern durch ihre Rufe der sich abmühenden Freundin wichtige Hinweise gegeben, wie sie die Situation unter Kontrolle bringen konnte. Dass diese das dann auch umsetzen konnte, spricht sehr für ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem Pferd.

Wenn auch für Sie das Thema Führung Fragen aufwirft, nehmen Sie Kontakt mit mir auf. Zwischen Coaching und Training gibt es viele Möglichkeiten, sich damit zu befassen.

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