Gedanken zum Artikel über J. M. Keynes im Handelsblatt Nr. 33, Februar 2013

Auf ganzen zehn Seiten widmet sich das Handelsblatt in seiner 33. Ausgabe 2013 der Theorie des John Maynard Keynes, sowie deren Rezeption durch Politik und Wirtschaft, und kommt zu dem Schluss, dass vieles davon verfälscht, oder zumindest sehr selektiv verstanden worden ist, weil eben diese Theorie so unglaublich verlockend sein kann. Darüber hinaus identifiziert der Autor, Jens Münchrath, sieben Irrtümer in der Gedankenwelt Keynes‘. Nichtsdestotrotz prägt Keynes wie kein anderer Ökonom noch heute Politik und Wirtschaft.

Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre stellt die Theorien auf den Kopf

Die Theorie von Keynes auf die Formel der sprichwörtlichen schwäbischen Hausfrau zu reduzieren: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ ist eindeutig viel zu simpel, aber einerseits lässt sich dies gut merken, und andererseits trifft es schon einen gewissen Kern seiner Überlegungen.

Keynes contra Adam Smith und Jean-Baptiste Say

Unter dem Eindruck der ersten weltweiten Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren kommt er zu dem Schluss, dass dem wirtschaftlichen Denken und Handeln der Menschen stets auch etwas Irrationales innewohnt, denn er stellt fest, die viel beschworenen Selbstheilungskräfte der Märkte funktionieren nicht, jene Kräfte, die Adam Smith die „unsichtbare Hand“ genannt hatte. Wenn die Konsumenten sparen, wird offensichtlich doch nicht das zur Verfügung stehende Kapital zwangsläufig von den Banken an Wirtschaftsunternehmen verliehen, damit diese investieren, denn genau dies tun die Unternehmen nicht. Es gibt also nicht das Angebot, das sich selbst seine Nachfrage schafft und somit den Geldkreislauf wie ein Perpetuum Mobile in Schwung hält. Diese Theorie, das „Saysche Gesetz“, hält er demnach für widerlegt.

Der Staat als „weiser Unternehmer“

Was also tun? Kann man überhaupt etwas tun? Und wenn ja, wer hat die erforderlichen Möglichkeiten und Mittel? Seine Antwort: der Staat. Bei Keynes wird der Staat zum „weisen Unternehmer“, er engagiert sich wie ein Großunternehmen, indem er Kredite aufnimmt und mit aktiver Wirtschaftspolitik die Konjunktur auf Trab bringt. Im Klartext bedeutet das, der Staat schafft mit Konjunkturprogrammen mehr Nachfrage, damit das Überangebot – in den 30er Jahren vor allem viele willige, beschäftigungslose Arbeitnehmer – abgebaut wird durch erhöhten Absatz.

Politiker sind auch nur Menschen – und wollen wiedergewählt werden

Genau hier lässt sich jedoch eine deutliche Schwachstelle in den Überlegungen von Keynes ablesen. Nicht nur die Konsumenten und Unternehmer besitzen die von ihm identifizierte irrationale Komponente, sondern eben auch diejenigen, die nach seiner Lehre weise steuernd eingreifen sollen, die Politiker. Denn wenn man seine Ideen weiter denkt kann man sehr leicht der Versuchung erliegen, nur den angenehmen Teil umzusetzen, nämlich die Ausgabenprogramme, die allen Verbesserung ihrer Situation versprechen und den nächsten Wahlsieg deutlich greifbarer werden lassen. Wer aber wagt es anschließend, die verteilten Wohltaten wieder zurück zu nehmen und das einzusparen, was zuvor ausgegeben wurde? Dieser zweite Teil ist jedoch wesentlicher Bestandteil der Keynes‘schen Theorie.

Spend now, pay later
In den politischen Wahlzyklen ist es jedoch seit Jahrzehnten offenbar völlig undenkbar geworden, diejenigen Kredite wieder zurück zu zahlen, die zur Steigerung mangelnder Nachfrage nach Keynes’schem Prinzip aufgenommen wurden. Stattdessen werden immer wieder und regelmäßig vor jeder Wahl Versprechen an die unterschiedlichsten Gruppierungen gemacht, die allerdings genauso regelmäßig mit neuen Krediten finanziert werden müssen. Dafür gibt es auch in Deutschland reichlich Beispiele, man braucht nicht lange danach zu suchen um fündig zu werden. Die Formel dazu lautet „Spend now, pay later“. Und mit niedrigen Zinsen lässt sich diese Entscheidung auch viel leichter fällen. Aus der nachvollziehbaren ökonomischen Rechnung von Keynes wurde „eine Magna Charta des Schuldenstaates“ (Münchrath).

Das ganz Andere denken

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. Albert Einstein, dem dieses Zitat zugeschrieben wird, würde vermutlich den Kopf schütteln darüber, dass derzeit von vielen Staaten und auch von prominenten Ökonomen gefordert wird, mit denselben Mitteln die Krise zu bekämpfen, durch die sie ausgelöst wurde, nämlich mit neuen Wirtschaftsprogrammen und weiterer Verschuldung. Verstrickt zu sein in Kontexte führt sehr häufig zu einer Art Scheuklappeneffekt, bei dem Alternativen nicht mehr ins Blickfeld geraten oder geraten können.

Ein Königreich für einen guten Coach

Dieses Phänomen kennt fast jede/r aus eigenem Erleben: die Gedanken folgen immer wieder denselben Bahnen, es tauchen ständig dieselben Fragen und Einwände auf, andere Lösungen als die schon erprobten finden sich nicht, man befindet sich in einer gedanklichen Sackgasse. In einer solchen Situation kann das ganz Andere wichtig werden, den Blick verändern, Horizonte öffnen und Ideen generieren. „Warum mehr desselben, wenn bereits weniger desselben nicht erfolgreich war?“ Jay Haley war zwar kein Ökonom, sondern Psychotherapeut, aber angesichts der Tatsache, dass selbst Keynes das Moment des Irrationalen als Bestandteil ökonomischer Entwicklungen identifiziert hat, und darüber hinaus hinlänglich bekannt ist, dass Börsen weniger der Logik, sondern vielmehr der Psycho-Logik gehorchen, wäre es vielleicht jetzt an der Zeit, einmal das ganz Andere zu denken. Und wenn dieser Vergleich fortgeführt werden darf, nämlich zwischen persönlicher Sackgasse, aus der gut überlegte und gestellte Fragen eines Coach heraushelfen können, und der ökonomischen Krise, dann braucht es vielleicht auch in diesem zweiten, viel größeren Kontext eines Wirtschaftscoach oder eines politischen Coach, der aus seiner Kenntnis der Materie diejenigen Fragen stellen kann, mit deren Hilfe die Handlungsträger neue Wege finden können.

Man stelle sich vor, wie die Stellenanzeige für diese Aufgabe aussehen müsste: „Ihr Profil – Sie verfügen über…“

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