(Fortsetzung zum Artikel über das Titelthema im Spiegel Nr. 17/2013)
Wer hat das nicht selbst in der Schulzeit erlebt: man sitzt vor einem Thema, das sich partout nicht erschließen will, quält sich herum, rüttelt an seiner inneren Haltung, versucht zu verstehen und doch scheint es nicht möglich zu sein, Sinn und Verstand hinein zu bekommen. Das kann bei dem Einen die Auseinandersetzung mit einer Fremdsprache und ihrer Grammatik sein, beim Nächsten Integralrechnungen und beim Dritten die Inhalte des Friedensvertrages von Versailles.

Ein Plädoyer für eine Veränderung im Schulwesen

Auswendig lernen für den Lehrer oder die Note?

Es hilft dann im Allgemeinen gar nichts, wenn irgendjemand einem versucht klar zu machen, dass man das eben zu lernen habe. Es ist mir unauslöschlich im Gedächtnis, wie ein Physiklehrer mir in Klasse 11 zu verstehen gab, als ich nach dem Sinn eines Versuchs und der dazugehörigen Formel fragte, ich solle das einfach lernen weil er es mir sage. Ich interessiere mich noch heute für Fragen der Physik, aber das Fach ist mir seitdem gründlich verleidet.

Lernen im Zusammenhang bedeutet auch Fragen stellen und beantworten

Was wollte dieser Lehrer denn damals eigentlich, und mit welcher Haltung hat er es getan? Er hatte offenbar keine Lust, keine Zeit oder auch keine pädagogischen Mittel zur Verfügung, mir meine Frage zu beantworten. Unbequem war das, er hätte einbetten müssen in einen größeren Zusammenhang, er hätte vielleicht ziemlich weit ausholen müssen um mir, und vielleicht auch anderen in der Klasse, einen Gesamtkontext auszubreiten, in dem der physikalische  Versuch und die Formel einen Platz gefunden hätten und verständlich in ihrer Funktion geworden wären.

Die innere Haltung bestimmt das Lernklima

Vielleicht hätten dann manche ein anderes Verständnis entwickelt, und möglicherweise wäre sogar eine Diskussion darüber in Gang gekommen, ob solche Zwecke grundsätzlich sinnvoll seien. Wir waren in den Siebzigern zuweilen sehr diskussionsfreudig, womöglich befürchtete dieser Lehrer eine Grundsatzdiskussion, die seinen Unterricht in Frage gestellt, oder zumindest gewaltig gestört hätte. Leider habe ich nicht nur als Schülerin diese Haltung bei meinem eigenen Lehrer erlebt, sondern auch kürzlich noch in Schulen feststellen müssen.

Mündige Erwachsene und angepasste Geister

Aber was wollen wir denn für junge Menschen in den Schulen bilden, ausbilden und erziehen? Sollen diese jungen Erwachsenen, die mit der verbrieften Reife für irgendeine Berufsausbildung die Schulen verlassen, dies wirklich mit einer Haltung tun, die nicht oder nicht mehr in Frage stellt? Die nicht noch mehr wissen will, die nicht verstehen will, was wozu gut ist oder zu welchem Ende es führt? Sind das dann die viel beschworenen mündigen Bürger und Bürgerinnen? Oder nicht vielmehr Menschen, die irgendwann in ihrer Schullaufbahn gelernt haben, dass man „am weitesten kommt“, wenn man sich anpasst? Die das tun, was man von ihnen möchte, und ihre eigenen Wünsche und Träume mithilfe unterschiedlichster Surrogate erfüllen?

Lerngemeinschaften als Ergebnis einer veränderten inneren Haltung

Gerald Hüther, der bekannte Neurobiologe, nennt diese Haltung, die sich aufgrund derartiger schulischer Erfahrungen leider häufig entwickelt, einen „Verwaltungsgeist“, „Pflichterfüllungsgeist“ oder „Klagegeist“. Und er plädiert für eine grundsätzliche Veränderung unseres Schulwesens mit einer gänzlich anderen Lernkultur, hin zu einem Konzept von Lerngemeinschaften, die Potentiale sich entfalten lassen. Auswendig lernen ist schließlich in Trainings schon lange von gestern.

Der schulische Traum: Lerngemeinschaften, in denen Potentiale sich entfalten können

Zurück zum Ausgangspunkt, dem Spiegelartikel über die Generation Stress. Auch in diesem Text findet sich überall das Thema der inneren Haltung, die stark beeinflusst ist von den Erwartungen eines Systems innerhalb unserer Leistungsgesellschaft. SchülerInnen, Eltern, Lehrkräfte, alle leiden unter dieser Haltung, der sie sich aber kaum entziehen können. In einem Kontext, der individuelle Potentialentfaltung, Neugier und Verstehen zulässt, und nicht nur dazu anhält, zum angegebenen Zeitpunkt exakt wie eine Maschine das richtige (Wissens-)Produkt auszuspucken, auch wenn man es gar nicht versteht, könnte Schule auch wieder Spaß machen und mehr als nur Ausbildungsstätte sein.

Ja, dann müsste auch unser Prüfungswesen sich ändern, aber das ist ein anderes Thema.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier:

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.

Beitragskommentare