Kreativität ist ganz einfach wahnsinnig schwierig.
Wer sich der gesellschaftlich gesetzten Grenzen nicht oder noch nicht bewusst ist, oder wer sie absichtlich ignoriert oder konfrontiert, wird eher unkonventionelle Ideen entwickeln.

Kreativität – das Natürlichste von der Welt

Der Aufruf von Nicole Gugger zur Blogparade „Kreativität für alle“ hat es mir angetan, da möchte ich unbedingt dabei sein.
Und schon wird es schwierig. Jetzt muss ich mal eben kreativ sein. Dem Video von Café Communications zufolge geht das gar nicht – oder doch?

Kreativität, was ist das? Bin ich kreativ? Wenn ja, wann und wie, und bei welchen Fragen? Mir fällt spontan das „freie Kind“ in jedem von uns ein (zum „freien Kind“ bei Eric Berne gibt es hier eine Übersicht). Es ist nicht gesellschaftskonform, man riskiert ein bisschen viel wenn man ihm zu viel Raum gibt. Schließlich sollten Erwachsene doch seriös sein.
Oder?

Alles mischen und sich überraschen lassen

Wie langweilig. Kreativität hat viel mit Spielen zu tun, ausprobieren, mal etwas anders machen, Dinge, Ideen, Gebräuche entfremden und anders zusammensetzen – und dann mal gucken: was habe ich denn da? Schau an, das hätte ich nicht gedacht!

Ja, doch, wir sind alle kreativ, und das ständig. Wenn man als lateinischen Ursprungsbegriff „creare“ = erschaffen, wählen, hervorbringen zugrunde legt, dann ist das einer der natürlichsten Prozesse im menschlichen Alltag.

Alle drei deutschen Übersetzungen des lateinischen Wortes beinhalten allerdings stillschweigend, dass da etwas ist, aus dem überhaupt gewählt werden kann, bzw. woraus etwas erschaffen und hervorgebracht werden kann. Aus nichts kann nichts entstehen.

Von nichts kommt nichts

Wir kreieren alle ununterbrochen, und zwar aus dem uns jeweils zur Verfügung stehenden Schatz an Kenntnissen, äußeren und inneren Bedingungen, Erfahrungen, Stimmungen, Verpflichtungen und was es noch alles an Faktoren gibt, die uns beeinflussen. Wir stehen vor Situationen und erschaffen daraus eine Wirklichkeit aufgrund von Entscheidungen, die häufig völlig unbewusst getroffen werden. Wir sind alle stets schöpferisch unterwegs.

Allerdings kann dieses Schöpferische sehr unterschiedlich ausfallen und ganz verschieden wahrgenommen werden. Was „man“ so als „kreativ“ bezeichnet meint eben nicht die ganz „normalen“ Schlussfolgerungen, die viele ziehen könnten oder würden. Gemeint ist vielmehr Zweckentfremdung, Wortverdrehung, Um-die-Ecke-Denken, einen neuen Weg durch die Dornröschenhecke schlagen.

Beispiel: In meinem Traineralltag kann es passieren, dass trotz aller Vorbereitungen einfach kein Flipchart mit Papier aufzutreiben ist. Aber es gibt viele Fenster im Trainingsraum. Warum nicht mal die Fenster mit den Whiteboard-Stiften beschriften? Zugegeben, das ist eher die zweite Wahl wegen der Lesbarkeit, aber bestimmt bleibt den TeilnehmerInnen das Training, und vielleicht auch die Inhalte, besonders haften.

Houston, wir haben ein Problem

Sehr viel spektakulärer ist ein anderes Beispiel, das zu einem Klassiker in der Filmgeschichte geworden ist: Die Lösung des CO2-Problems bei der Apollo 13 Mission. Da wird aus Socken, Plasitktüte, Schlauch, Klebeband, Pappe und ein paar anderen Zutaten ein Filter gebaut, damit die Astronauten nach der Havarie im Weltraum nicht ersticken müssen. Eine wahrlich kreative Lösung, die übrigens unter erheblichem Zeitdruck zustande kam, auch wenn es, wie im eingangs erwähnten Video, heißt, Kreativität brauche Zeit.

Spannend ist bei der Apollo-Mission vielleicht aber auch die Freigabe zum Herum-Experimentieren durch den technischen Leiter im Kontrollzentrum in Houston. Unter dem Druck der Situation sagt er den zentralen Satz: „I don’t care about what anything was designed to do. I care about what it can do.” Anders ausgedrückt erteilt er den Auftrag herum zu spielen, alle Möglichkeiten zu erfassen, die sich in den ganz banalen Dingen verstecken und auf die vielleicht noch nie jemand gekommen ist. Not macht erfinderisch, heißt es doch.

Das Apollo 13-Beispiel zeigt sehr eindrücklich, dass dieses Sprichwort seine Berechtigung hat. Zur Kreativität gehört nämlich auch, die Grenzen sogenannter Normen, Regeln und was man so tut und lässt zumindest flexibel auszulegen. Womit dann auch die Sinnhaftigkeit der Grenzen durchaus in Frage gestellt werden kann. Die Bereitschaft und damit die Fähigkeit dazu können aber sehr viel größer sein, wenn entweder per Auftrag (wie im Film) oder wegen massiver Dringlichkeit bzw. drohender Gefahr das Denken von seinen Normen befreit wird. Oder auch, weil es gar keine festen Grenzen gibt, die eingehalten werden sollen. Erst dann erschließen sich zahlreiche Möglichkeiten, die sonst verborgen bleiben würden.

Vom Fahrrad zum Schaschlik-Spieß

Darum geht es letztlich, nämlich die zahlreichen und manchmal zahllosen Möglichkeiten zuzulassen. Wir selbst schränken das Kreative ein, indem wir nur bestimmte Bedeutungen oder Funktionen zuordnen und gar nicht auf die Idee kommen, aus einer alten Fahrradspeiche z.B. einen Schaschlik-Spieß zu machen. Übrigens eine Idee, die nicht von mir ist, sondern aus Afrika mitgebracht, wo es noch sehr viele andere Verwendungen für Fahrradspeichen gibt.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum Kreativität zwar einerseits mit Faszination, andererseits aber auch mit Skepsis begegnet wird. Man stellt ja in Frage. „Das haben wir schon immer so gemacht!“ gilt dann einfach nicht mehr als Maßstab, es geht doch auch anders. Also verbreitern sich die Möglichkeiten, etwas Verändertes kann wachsen, die Gedanken schlagen eine neue Richtung ein, andere Menschen müssen ihre eigene Ansicht zumindest überprüfen, es wächst eine veränderte Sicht der Dinge. Und es kann auch im Umfeld der ersten kreativen Änderung zu gewaltigen Bewegungen kommen.

Der Flügelschlag des Schmetterlings

Womit wir beim zweiten möglichen lateinischen Ursprungswort für Kreativität sind: „crescere“ = wachsen, anwachsen, gedeihen, zunehmen. Also wachsen. Aber wann? Am Anfang des Prozesses, damit überhaupt Kreativität entstehen kann? Oder als Ergebnis der Kreativität? Oder beides?

Vielleicht hilft wieder der Blick auf  ein sehr prominentes Beispiel. Albert Einstein mit seiner genialen Theorie war, wenn man es genauer betrachtet, im Zentrum eines großen kreativen Prozesses, der lange vor ihm begann und wuchs, dessen Informationen er zusammentragen und für seinen eigenen, sehr erstaunlichen kreativen Prozess nutzen konnte, und womit er ein weiteres Wachsen und Verändern anstieß, das bis heute andauert (wer sich für eine historische Einordnung interessiert kann hier weiterlesen).

Fazit:

– Um Kreativ zu sein braucht der Mensch die Erlaubnis zur Entgrenzung der Gedanken, entweder durch die offizielle Freigabe von außen, oder durch einen inneren Befreiungsschlag, einen Trigger, der unterschiedlich motiviert sein kann. Solche Motive können z.B. sein: es gehört zu meinem Selbstbild, ich stehe unter existentiellem Druck, ich will jemanden für mich gewinnen etc.
– Wer sich der gesellschaftlich gesetzten Grenzen nicht oder noch nicht bewusst ist, oder wer diese absichtlich ignoriert oder konfrontiert, wird eher unkonventionelle Ideen entwickeln. Kinder etwa sind noch nicht so auf bestimmte Bedeutungen oder Funktionen festgelegt. Man kann mit einem Gummistiefel den Fuß vor Nässe schützen, man kann damit aber auch Wasser in den Sandkasten transportieren.
– Kreativität fällt nicht vom Himmel, sondern bedient sich immer schon vorhandener Quellen. Wissen und Erfahrung  werden neu miteinander vernetzt, was den eigentlichen kreativen Prozess ausmacht. Ob dabei dann auch gerade neue neuronale Verbindungen im Gehirn entstehen müssten Experten aus der Hirnforschung beantworten können.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

clear formSubmit